Aus ff 05 vom 02. Februar 2012

Leitartikel: Dann streike ich!

Regierungschef Mario Monti ist der neue Buhmann der Nation. Seine Schuld: Er nimmt uns angestammte Rechte weg. Aber die Proteste halten sich in Grenzen. Weil er den Finger in offene Wunden legt?

Krisen fallen nicht vom Himmel. Für Krisen gibt es immer Schuldige. Und schuldig – das wissen wir – sind immer die anderen. Bis vor kurzem hieß der Bösewicht Silvio Berlusconi. Seit man von dem nur mehr etwas hört, wenn er mal wieder Hauptdarsteller in einem seiner vielen Prozesse ist, haben wir einen neuen Schuldigen gefunden: Mario Monti.
Seine Schuld: Er nimmt uns das weg, von dem wir glauben, dass es uns gehört – und immer gehören muss. Zum Beispiel bestimmte Gewohnheiten im Zusammenhang mit Lizenzen, Kündigungsschutz, Beiträgen, automatischen Lohnvorrückungen, Pensionsregelungen. Wir jaulen auf: So war es nicht abgemacht!
Kaum ein Tag vergeht, ohne dass irgendeine Kategorie, die sich von den Maßnahmen besonders negativ betroffen fühlt, zum Streik aufruft: LKW-Fahrer, öffentliche Bedienstete, Tankstellenwächter, neuerdings drohten sogar die Apotheker mit einer Arbeitsniederlegung.
Ich warte nur darauf, dass auch das Land Südtirol in der Person von Landeshauptmann Durnwalder zum Streik aufruft, weil man uns die Autonomie „beschneiden“ will. Vielleicht fassen dann auch die Parlamentarier Mut und legen ihre Arbeit nieder, weil man ihnen die Bezüge kürzen will.
Es fällt freilich auf, dass die Beteiligung an den Streiks bislang zu wünschen übrig gelassen hat. Man gibt sich zwar entrüstet und zornig, aber so ganz sicher scheint man sich dieser Entrüstung dann doch nicht zu sein. Was, wenn dieser Mario Montio am Ende gar nicht so unrecht hätte? Kann es sein, dass wir alle in den vergangenen Jahrzehnten ein System aufgebaut haben, in dem es sich zwar prächtig leben lässt, das aber nicht finanzierbar – und vielleicht auch gar nicht so gerecht ist? Kann es sein, dass die Wirtschaftskrise sozusagen für den lang ausgebliebenen Regen sorgt, der ein bisschen von diesem Ballast wegspült, den wir uns angefressen haben?
Sozialstaat in Gefahr! Hände weg von Kürzungen im kulturellen Bereich! Rettet die Schule! Wehe, man nimmt den „Minderheitenzeitungen“ und den ach so wichtigen „Parteizeitungen“ die Beiträge! Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist in Gefahr! Ist es wirklich so dramatisch?
Gewiss besteht in Zeiten der Krise die Gefahr, dass es die Schwächsten am härtesten trifft. Allerdings sollte die gebotene Achtsamkeit nicht zum Alibi werden für ein undifferenziertes und prinzipielles Nein gegenüber allen Veränderungen.
Krisen fallen zwar nicht vom Himmel, haben aber doch oft etwas Segensreichen und sind – wie die Geschichte zeigt – meist der Beginn eines Aufschwungs. Der Grund: Indem Gewohnheiten in Frage gestellt und Privilegien hinterfragt werden, eröffnen sich oft neue Möglichkeiten und Perspektiven, die im alten, im bisherigen System keine Chance gehabt hätten. Krisen zwingen zum Nachdenken – und bringen vielleicht allein aus diesem Grund Neues, Kreatives zum Vorschein.
Solidarität mit allen Streikenden also – unter einer Voraussetzung: dass wir alle uns mal selbst kritisch unter die Lupe nehmen. Welche Rechte und Voraussetzungen benötige ich wirklich, welche hingegen könnten getrost eine Veränderung gebrauchen?
Ein kleines Beispiel, das unserem Regierungschef anscheinend noch nicht eingefallen ist: die Zahl der Urlaubstage. Muss es wirklich sein, dass Angestellte 30 Arbeitstage im Jahr Urlaub erhalten? Zum Vergleich: In den USA gibt es nicht mal halb so viel Urlaub.
Aber wehe: Wenn man mir auch nur einen Tag streicht – dann streike ich!