Aus ff 05 vom 02. Februar 2012
Leserbriefe: Ein Gespenst namens Freiheit
Leitartikel in ff 2/12 über die Weiterentwicklung der Südtirol-Autonomie
Südtirol hat infolge der ethnischen Frontstellung und der vormals jahrzehntelangen Verhinderung einer Universitätsgründung eine sehr dünne liberale, ausgleichend wirkende Schicht. Seit dem Entstehen der Nationalismen im Alttiroler Raum war die Geschichte Südtirols davon geprägt, dass jene Volksgruppe, die an den Hebeln der Macht war, die anderen unterdrückte oder zumindest benachteiligte. Beides keine guten Voraussetzungen für einen „Freistaat“.
Die Verfechter des Freistaates preisen zwar das Schweizer Modell des Zusammenlebens der Sprachgruppen, ihre „Freunde“ und Verbindungen zu Österreich lassen aber eher etwas anderes vermuten. Wäge ich das tägliche politische Handeln einiger Exponenten, ihre Verbindungen und Freunde in Österreich und das Loben etwa mancher Verhältnisse in Kärnten mit den offiziellen programmatischen Punkten (Freistaat gleichberechtigter Sprachgruppen) ab, dann muss ich zum Schluss kommen, dass der Freistaat Südtirol weit eher dem Kärnten Haiders als einer kleinen Schweiz ähneln würde.
In Südtirol gibt es keine gemeinsame Feierkultur, keinen gemeinsamen politischen Willen, keine gemeinsame Sicht auf die Geschichte, schlicht kein kollektives Bewusstsein aller Bürger unseres Landes. Was es gibt, ist ein gut geregeltes und reguliertes Nebeneinander. Das ist keine Basis für ein politisches Gebilde wie einen „Freistaat“. Gerade seine Verfechter tragen mit ihrer Haltung zu Sachthemen wesentlich dazu bei, dass sich in Südtirol kein kollektives Bewusstsein entwickeln kann.
Daher denke ich, dass das derzeitige Modell bei aller oftmals berechtigten Kritik noch am ehesten die Gleichberechtigung und Entwicklungschancen aller Sprachgruppen garantiert. Mit Blick auf das politische Umfeld Südtirols halte ich die Weiterentwicklung des heutigen Modells auch für den einzig gangbaren Weg.
Martin Geier, Bozen
