Aus ff 05 vom 02. Februar 2012
Ein Bild ... eine Geschichte: Karnevalszeit
Rio de Janeiro, Brasilien
Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Brasilien denken? Samba? Fußball? Genau. Februar ist der Monat, in dem in Rio de Janeiro der Samba seinen Höhepunkt erreicht. Es ist Karnevalszeit. Dieses Jahr beginnt er am 18. Februar. Danach gibt es kein Halten mehr in Rio de Janeiro, keine Ruhe, keinen Schlaf. Es herrscht Musik, Freude, Spektakel. Tage- und nächtelang. Samba gibt es in Brasilien freilich das ganze Jahr über, in den Fußballstadien. Die Experten behaupten nämlich, brasilianischer Fußball sei nichts anderes als Samba mit Ball, auf einem Rasen zwischen zwei Toren von 22 Männern oder Frauen getanzt.
Der Samba also liegt den Brasilianern im Blut. Das ist freilich ein Klischee, wie es sie über jedes Volk der Welt gibt. Doch wie jedes Klischee enthält auch dieses über Brasilien ein Korn Wahrheit. Ein sehr großes Korn, wie man an diesem Foto sehen kann. Das Mädchen hinter den Papiergirlanden tanzt zwar nicht zu Samba-Rhytmen, sondern zu einem harten, großstädtischen Rap. Das Konzert findet in einem riesigen Sportstadion in Brasilia statt. Mehrere tausende junge Menschen sind gekommen, singen, tanzen, jubeln.
Was das Foto nicht zeigt, ist das Ziel dieser ausgelassenen Veranstaltung. Es geht um moralische und ethische Ertüchtigung junger Menschen. Das Konzert findet unter dem Motto: „Driblando o Crack“ statt, was soviel heißt „Crack ausspielen!“ Brasilien hat ein sehr großes Problem mit dem Drogenkonsum, mit dem gefährlichen Crack im Besonderen. Organisiert wird dieses Konzert von einer evangelikalen Kirche namens „Universalkirche vom Reich Gottes“ Sie wurde 1977 von einem ehemaligen Lotterieverkäufer namens Edir Macedo gegründet. Macedo ist eine charismatische Figur. Er füllt mit seinen Auftritten ganze Stadien. Medienwirksam heilt er schwerkranke Menschen. Lahme können vorgeblich wieder gehen, Blinde sehen, Krebskranke werden vom Krebs befreit und Aidskranke von ihrer tödlichen Infektion. Diese Wunderheilungen sind gepaart mit erzkonservativen Ansichten. Homosexualität gilt als Sünde, Abtreibung wollen die Evangelikalen unter Strafe stellen lassen. Ganz anders verhält es sich mit dem Verhältnis zum Geld — wenn man viel davon besitzt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass Gott einen liebt. Macedo wird von Gott sehr geliebt. Er ist schwerreich. Allerdings vermutet die brasilianische Staatsanwaltschaft, dass der Reichtum Macedos aus dunklen Kanälen kommt. Es gibt eine ganze Reihe von Ermittlungsverfahren gegen ihn. Seiner Popularität hat das nicht geschadet – auch die Freude des tanzenden Mädchens wird dadurch nicht getrübt.
Die „Universalkirche vom Reich Gottes“ bietet bei aller moralischen Strenge seinen Gläubigen ein attraktives Spektakel. Acht Millionen Mitglieder hat diese Kirche alleine in Brasilien. Sie ist nur eine aus einer ganzen Reihe von evangelikalen Kirchen. In manchen Regionen Brasiliens haben sie inzwischen mehr Anhänger als die katholische Kirche. Im Bundesstaat Rio de Janeiro zum Beispiel.
Warum sie so erfolgreich sind? Die Freikirchen befriedigen tief empfundenes Bedürfnis nach Ausgelassenheit und Freude. Sie sprechen den Bauch an, nicht den Kopf — und finden so einen Weg zu den Seelen der Menschen.
Ulrich Ladurner
