Aus ff 10 vom 11. März 2010

Leitartikel: Bis die Bänder zerfetzen

Der Skirennsport produziert Krüppel am laufenden Band. Helmpflicht hin, Sicherheitsbeteuerungen her: Es gibt immer mehr Verletzte. Ist das alles wirklich noch lustig – und förderungswürdig? von Norbert Dall`Ò

Doppelter Kreuzbandriss. Jetzt hat’s auch Nadja Fanchini erwischt. Die „große italienische Medaillenhoff­ung“ – wie es immer so schön heißt – ist in St. Moritz gestürzt. Wer mit 100 Stundenkilometer zu Tal rast und bei einem Tor hängen bleibt, hat eben Pech gehabt: „Ich wünsche mir, so schnell als möglich gesund zu werden und wieder Ski zu fahren“, sagte die sympathische Sportlerin, die sich die olympischen Spiele zu Hause am TV anschauen kann. Mit Gipshaxe. Sport ist Mord, sagt Volker Caysa in seinem Plädoyer zur „Abwehr körperlicher Betätigung“. Caysa übertreibt. Sport ist gesund, sagen nämlich alle – vom Herrn Lehrer im Fach Leibeserziehung bis zum Gesundheitslandesrat. Ein Blick auf die Liste der Opfer in der Disziplin Skifahren sollte aber zumindest nachdenklich stimmen. Kein Rennen, ohne dass nicht ein Athlet kaputtgeht. Kein Sturz ohne schwere körperliche Folgen. Wir wünschen Nadia Fanchini alles Gute, aber das Risiko, in ihrem Beruf zum Krüppel zu werden, ist trotz aufwendigster Sicherheitsvorkehrungen größer denn je. Wollen wir mal die neueste Liste durchgehen? Thomas Lanning hatte sich schon das Kreuzband gerissen. Er stieg wieder auf die Skier, „überwand „den inneren Schweinehund“ – und brach sich die Nackenwirbel; John Kucera, der kanadische Topabfahrer, stürzte und brach sich das Schienbein; Resi Stiegler: Schienbein- und Wadenbruch; Marcus Sandell musste sogar eine Niere entfernt werden; Jean-Baptiste Grange, bis vor Kurzem der beste Slalomfahrer überhaupt: krack-aus-vorbei; Nicole Hosp: Kreuzbandriss. Ihr Fehlen fällt nur deshalb nicht auf, weil die Österreicher genügend andere haben, die sie in diese neumodische Art von Schlacht werfen können. Der oder die Nächste bitte! Skifahren ist bärig, keine Frage. Aber ab einem gewissen Niveau ist Skisport lebensgefährlich. Das Schicksal des Österreichers Matthias Lanzinger ist schon aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden. Es geschah am 2. März 2008 im norwegischen Kvitfjell: Lanzinger wählte eine etwas zu direkte Linie, kam zu Sturz und zog sich im linken Unterschenkel einen offenen Bruch zu. Auch bei der vierten Operation konnte die Durchblutung nicht stabilisiert werden. Wegen schwerwiegender Gefäßverletzungen und der daraus resultierenden Sauerstoffunterversorgung musste der linke Unterschenkel unterhalb des Knies amputiert werden. Da haben Anna Goodmann, Jean-Philpp Roy, François Burque und Kelly Vanderbeek ja noch Glück gehabt. Sie alle sind verletzt, aber bis zur nächsten Saison reparierbar, wie es in der Szene heißt. Wie Denis Karbon, der man buchstäblich über Nacht den lädierten Meniskus wieder geflickt hat – anscheinend so gut, dass sie in Vancouver auf Goldkurs gehen kann. Das kann sich Tanja Frieden abschminken. Sie war in Turin zur Olympiasiegerin im Bordercross gekürt worden. Jetzt kann sich die Schweizer Nationalheldin nur mehr im Rollstuhl fortbewegen: beide Achillessehnen gerissen. No risk, no fun, heißt es. Stürze gehören halt dazu. Mehr noch: Nur wo es spektakuläre Stürze gibt, sind hohe Einschaltquoten garantiert. Als Alberto Tomba vor Kurzem die Rennläufer zum Streit aufforderte, um höhere Sicherheitsstandards einzufordern, wurde er als Spielverderber verspottet und nicht weiter ernst genommen. So gern wir auch die Weltcup-Rennen ansehen und mit unseren Helden mitfiebern: Wie viele Knochen müssen in einer Saison brechen, um zumindest die Frage stellen zu dürfen: Ist das alles wirklich noch lustig?