Aus ff 01 vom 31. December 2008

Südtirol gehört nicht den Schützen

Leitartikel in ff 46/08 über den Protest der Schützen gegen Siegesdenkmal und Mussolini-Fries

Ich hätt’ da mal ein paar Fragen. Ich kann einfach nicht verstehen, um was es den Verantwortlichen dieses stimmungsvollen Schützenmarsches durch Bozen ging. War es wirklich eine Kundgebung gegen die Faschistenrelikte? Wenn ja, warum dann die separatistischen Parolen „Südtirol ist nicht Italien“ oder „Los von Rom“, die eine sachliche Diskussion von vorneherein ad absurdum führen? Wurde hier etwa bewusst so einiges durcheinandergebracht?
Glauben denn die Kommandanten und Majore wirklich allen Ernstes, dieser Aufmarsch würde in rechten italienischen Kreisen eine Diskussion über Sinn und Zweck von faschistischen Denkmälern hervorrufen? Wollen das die Marschierer überhaupt? Sind sie in ihrem heutigen Auftreten die glaubhaften Vertreter eines solchen Anliegens? Und warum gelang es keinem Redner auf dieser Veranstaltung, die Worte Faschismus und Nationalsozialismus fehlerfrei zu artikulieren, obwohl sie sie nur von ihren Manuskripten ablesen mussten (siehe Rai-Bericht)?
Kann es sein, dass so mancher Jungschütz keinen blassen Schimmer hat, für was er hier eigentlich demonstriert und vor wessen Karren er gespannt wird? Sind die Mechanismen in allen Krisenregionen der Erde nicht immer wieder dieselben? Hetze auf beiden Seiten bis der Krug bricht und dann das große Jammertal?
Wo bleiben die mahnenden Worte einer Kirche, die den Frieden unter den Menschen predigt? Warum schaut die SVP diesem Treiben zu und verteidigt es sogar? Wäre nicht bald mal eine Entschuldigung gegenüber denjenigen angebracht, die sich täglich um die mühsame konfliktfreie Integration von Ausländern und die friedliche Koexistenz von Italienern und Deutschen bemühen und die dann nach solchen stimmungsvollen Aufmärschen die Scherben zusammenkehren dürfen?
Kann es sein, dass wir im Lande ein massives Bildungsproblem haben und schleunigst hier den Hebel ansetzen müssen? Sollten wir nicht auch mal mit gleicher Ernsthaftigkeit ökologische Probleme bewältigen oder das Alkoholproblem in den Dörfern beseitigen? Verdammt, gibt es nicht viele (andere) wichtigere Dinge?
Stephan Ortner, Bozen