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Wer ein klein wenig Kind geblieben ist, muss zugeben: Michael Jackson hat uns in eine Traumwelt verführt, die wir oft verdammt notwendig haben. Jacko war ein Held, weil ihm dieses Kunststück gelungen ist. Er war die gelebte Verführung.

Aus ff 35 vom 02. September 2010

Leitartikel: Irgendwo zwischen Franz und Jacko

Wer sind unsere Vorbilder, wer prägt uns? Je leichter die Frage zu beantworten ist, desto gefährlicher wird es. Am besten, man hat gleich mehrere Helden zur Auswahl. von Norbert Dall`Ò

Über Franz Pichler schreiben und an Michael Jackson denken. Der Lehrer, der meine kleinbürgerliche Idylle gehörig auf den Kopf stellte, nur weil er nicht mit Krawatte, sondern mit langen Haaren, Bart und zerschlissener Hose am Pult stand. Und der Popstar aus einer anderen Welt, die so weit weg ist von meiner – und doch so nah, um immer wieder von ihr angezogen zu werden. Black or white? Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Eher ein Pichler oder eher ein Jackson? Helden waren immer schon eine faszinierende Gehschule: von Winnetou über Che Guevara zu Humphrey Bogart, wenn möglich mit einem Schuss Mutter Teresa. Lehrer Pichler, von dem ich erst viel später erfuhr, dass er ein Künstler ist, rettete mich als Volksschüler vor Winnetou. Ohne ihn hätte ich mich möglicherweise in den weiten Prärien vergaloppiert. Leute wie Pichler wirkten wie eine Sendestörung: auf den ersten Blick ärgerlich. Aber irgendwann steht man auf, wechselt Programm und entdeckt, dass es Besseres gibt als das, was man gewohnt war. Helden sind gefährlich, sagen Experten. Gut möglich. Ich finde, Helden sind dann gefährlich, wenn es sie nur in der Einzahl gibt. Pichler zum Beispiel war für mich ein Held. Keine Frage. Aber – entschuldige, lieber Franz – nur eine Zeit lang und außerdem nur einer von vielen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich ergangen ist. Vielleicht hatten auch Sie einen Lehrer, der Ihnen „die Augen geöffnet“ hat. Und dann kam vielleicht jemand anderer, der sie Ihnen wieder geschlossen hat. Helden à la Pichler waren gut, weil es daneben recht bald Helden à la Jackson gab. Über Jacko kann man müde lächeln. Ja, als Erwachsener musste man sogar müde lächeln über diesen Kasper mit seiner künstlichen Nase und der Maske vor dem gebleichten Gesicht. Aber wer ein klein wenig Kind geblieben ist, wird zugeben: Dieser Teufelskerl von einem Kasper war besser als jede Fee. Er hat uns träumen lassen. Mit ihm, mit seiner Musik, ja selbst mit seinem verrückt-extravagant-exzessiven Leben bin ich in eine Welt, katapultiert worden, die es – na klar – nicht gibt, die es aber trotzdem hin und wieder braucht, um in der anderen, der wirklichen Welt nicht zu versauern. Jacko war mein Held, weil ihm dieses Kunststück gelungen ist. Im Jahr 1992 hielt Michael Jackson ein Konzert in Bukarest. Zigtausende junge Menschen, die sich noch kurz zuvor hinter dem Eisernen Vorhang verstecken mussten, um auf die Verheißungen eines Kommunismus zu hoffen, die nie eingelöst wurden, flippten aus, waren aus dem Häuschen, weinten Tränen des Glücks. Hoffnungslose Jugend, die jetzt halt vom Kapitalismus gekauft worden ist? Nun, Mister Jackson war kein Intellektueller, der uns die Welt erklärte. Aber das hat niemand von ihm erwartet. Das erledigen schon andere. Jacko kommunizierte als Gesamtkunstwerk, als gelebte Verführung. Er war ein Wirklichkeit gewordener Traum. Und doch wieder so unwirklich, dass es ein Leichtes war, nach dem Konzert umzuschalten: Und jetzt wieder etwas Ernstes. Black oder white?, fragt sich Jacko in einem seiner Hits. Schick wäre es jetzt, mit Standhaftigkeit zu antworten: dies oder jenes. Pichler oder Jackson. Ehrlich ist etwas anderes: schwarz und weiß. Ein bisschen Pichler, ein bisschen Jackson. Ein Held allein würde mich langweilen, ja mir sogar Angst machen. Schwarz-Weiß-Malerei hat mir ohnedies nie gefallen. Irgendwo zwischen Franz und Jacko, ja, da finde ich mich schon eher wieder.