Artikel als PDF lesenWir werden dieses Dingsda schon regeln, keine Sorge.
Dazu brauchen wir keinen römischen Minister, der uns sagt, was Ordnung ist.
Aus ff 30 vom 29. Juli 2010
Leitartikel: Wenn uns Rom zur Ordnung ruft
Minister Fitto hat recht, wenn er uns an die Schlamperei namens Toponomastik erinnert. Trotzdem macht er eine jämmerliche Figur. Italien stöhnt unter viel ärgeren Schlampereien.
Die Toponomastik interessiert mich nicht – und ich denke, den meisten Südtirolern geht es genauso. Wir haben andere Sorgen und Freuden. Arme Leut’, die nichts anderes zu tun haben, als sich den Kopf zu zerbrechen, wie man mit einem Schildchen jemanden ärgern könnte. Die Toponomastik ist ein Relikt der Geschichte. Wie das Siegesdenkmal oder gewisse Schützen, die noch so tun, als lebten sie Anno 1809.
Wenn die Toponomastik jetzt trotzdem, wie es scheint, zum Thema Nummer eins aufgeschaukelt werden kann, dann ist das der Südtiroler Volkspartei zu verdanken. Ein bisschen hü, ein bisschen hott: Sie wusste nie recht, welche Gangart sie wählen soll. Gewisse Themen eignen sich halt gut, mal diese und mal jene Leute bei Laune zu halten. Die rechte Front und – was mich besonders ärgert – der AVS fanden in den Schildern ein Spielzeug, von dem sie nicht lassen konnten.
Die starke SVP kann ganz schön schwach, um nicht zu sagen feige sein, wenn es um eine Handvoll Wählerstimmen geht. Es stimmt, dass Landeshauptmann Durnwalder immer wieder einen Anlauf nahm, um die Toponomastik endlich mit einen Landesgesetz zu regeln. Richtig ist freilich auch: Wenn er denn wirklich gewollt hätte, wäre das Gesetz schon längst unter Dach und Fach.
Aber nein, auch ein Durnwalder wollte seinen Freunden nicht auf die Zehen treten. Auch einem Durnwalder, dem die Toponomastik gleich egal ist wie mir, verließ die Schneid. Man weiß ja nie. Und so kam es, dass landauf, landab munter geschürt und geneckt werden durfte: mit lachhaften „Übersetzungen“ von Straßen, mit der systematischen Verdeutschung der Wegweiser.
Ich war mir sicher, dass die Toponomastik auch in dieser Legislatur nicht den Weg durch den Landtag schaffen würde. Wir hätten es überlebt, denke ich. Aber dann tauchte ein gewisser Raffaele Fitto auf, seines Zeichens Minister – und stellt uns ein Ultimatum. Wenn Südtirol nicht tut, wie vom Gesetz vorgeschrieben, dann tut es die Regierung.
Dem guten Fitto, der aus Apulien stammt, ist die Toponomastik natürlich ebenso egal wie Durnwalder und dem Unterfertigten. Aber das ist ja das Problem: Wo geschlampt wird, ist es ein Leichtes, den Saubermann zu spielen. Und in der Toponomastik wird seit den Zwanzigerjahren geschlampt. In Sachen Ortsnamensregelungen und Beschilderung hat Südtirol nicht irgendein Gesetz verletzt, sondern das heiligste aller Gesetze, das Autonomiestatut. Das ist ja der Grund, weshalb Durnwalder zwar sagen kann, „sei still, da sind wir zuständig“, sich aber schwer tut, dem Minister zu widersprechen.
Fitto hat recht – ob es uns passt oder nicht. Weil Südtirol es aus politischer Bequemlichkeit verabsäumt hat, eine Angelegenheit zu regeln, die in Sonntagsreden als eine der wichtigsten überhaupt bezeichnet wird. Jetzt müssen wir handeln. Mal sehn, ob die SVP noch die Kraft dazu hat.
Fitto hat also recht – und macht trotzdem eine jämmerliche Figur. Wenn ein Minister den Staatsapparat mobilisiert, um für Recht und Ordnung zu sorgen, solle er bittesehr anderswo damit beginnen. Ganz Italien ist eine Schlamperei. Es gibt keinen Bereich, in dem nicht systematisch Gesetze gebeugt, missachtet, gebrochen werden – und die Regierung schaut zu.
Wir werden dieses Dingsda, die Toponomastik, schon regeln, keine Sorge. Aber wenn uns jemand zur Ordnung ruft, der keine Ahnung von Ordnung hat, dann erlaube ich mir, mal unseren Landeshauptmann zu zitieren, der institutionell falsch, aber inhaltlich richtig auf das römische Muskelspiel reagiert hat: „Me ne frego.“ 