Aus ff 32 vom 12. August 2010

Szene: Nicht bloß „Bum Bum“

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Auch für Bands, sofern sie nicht im Studio ihre nächste Platte aufnehmen. Deswegen untersuchen wir hier inzwischen die Musikszenen in Südtirol. Heute rufen wir die Elektronik auf den Plan.
Lange Zeit spielte elektronische Musik in Südtirol, fernab von Kommerz-Djs, eine untergeordnete Rolle. Mittlerweile hat sich in Südtirol nicht nur eine Szene entwickelt, sondern mehrere kleine, die verschiedene Subgenres bedienen und dabei internationale Anerkennung genießen. Nimmt man z.B. Elektro her, gibt es mit Schuster&Schneider, Dj Boma, Max Power und Foxy einige DJs, die regelmäßig außerhalb Südtirols auftreten. Die Musikrichtung hat mit „Love Electro“ und „Magnetic“ eigene Veranstaltungsreihen, die sehr gut funktionieren. Als Hauptschauplätze der Szene kann man Bruneck und Brixen angeben, und dabei vor allem den Puka Naka Club und das Timeout. In letzterem kann man auch regelmäßig aufstrebende junge DJs aus dem Genre hören. Auch die Techno-Szene hat sich stark entwickelt. Einige Gruppierungen haben den Bereich Deep House, Tech-House, Minimal und Techno im Griff und veranstalten regelmäßig Abende in Südtirol und außerhalb. Das Kollektiv „Dancing“ hat in Bozen seinen Sitz und hält monatliche Abende im Martini, „wupwup“ ist im Puka Naka und im Sketch von Meran am aktivsten. DJ Bossifunk hat mit der Reihe „Vitamin“ verschiedenste Locations in Bozen bespielt. „VAC“ um Steve Dumont veranstalten Abende im Puka Naka Club sowie in sog. Off-Locations, z.B. alten Hotels oder Bars, die keine regelmäßigen Clubnächte bestreiten. Die Reihe Audiomat ist weiterhin sehr beliebt und ihre Abende in der Halle 28 sind wohl die größten im Technobereich. Um „Caffeine“ und „Effectric“ ist es still geworden, seit der Club Miró nicht mehr genutzt wird. Viele Südtiroler hoffen, dass das Lokal im Zentrum von Bozen wieder seine Pforten öffnet. Im Bereich Minimal der dunkleren Sorte sind Daniel Trüb in Bruneck und RVTK im Vinschgau aktiv. RVTK haben sich aber vor allem einen Namen im Drum’n’Bass, Breakcore und Dubstep gemacht und suchen das Ladum in Prad regelmäßig heim. In Bozen und Unterland sind dafür Corax und ihr Label Culture Assault zuständig, das durch seine internationale Anerkennung viele junge Unterlandler für den Drum’n’Bass begeistert. Das Problem bei diesem Genre ist, dass wenige Clubs sich auf diese Musik einlassen und es dadurch schwierig ist, eine größere Hörerbasis zu schaffen. Der Weinstadl in Kaltern und das Dub in Bozen haben jedoch ein offenes Ohr für diese Community. Das Dub und der Weinstadl sind generell härterer Musik zugewandt. Im Dub treffen sich Jünger des Subgenres Hardtek, einer härteren und schnelleren Version von Techno. Der Grafiker und Dj Pitch ist Impulsgeber des Musikstils. Gabba, im Volksmund Hardcore genannt, hat viele Modefans verloren. Die Abende im Weinstadl gehören damit zu den Highlights der mittlerweile kleineren Hörerschaft. Goa und Psytrance bleiben ein Dauerbrenner in Südtirol, vor allem dank kleinen Open Airs und dem jährlichen Festival „Roenaissance“ auf dem Mendelpass, das international sehr renommiert ist. Goa-Hörer sind im ganzen Land verstreut und die Fans treffen sich auf diversen Partys, die, im Idealfall, in der Natur sind. Gomaxxx ist einer der Vorantreiber dieser Szene. Auch im experimentellen Bereich hat sich etwas getan. Mit A Cowboy Without a Horse, kompripiotr, knob alchemist und Kontrofase hat Bozen vier tolle Acts, deren Musik weit entfernt vom Formatradio ist. Auch sie haben das Problem wie die obgenannten Stile und können nicht so viele Abende bestreiten, da die Musik, auch für den offenen Hörer, sehr vertrackt sein kann. Dem Discosound eines Giorgio Moroder oder seinen zahlreichen Jüngern huldigen kaum DJs in Südtirol. DJ Veloziped und Mr. Softee bringen so manches Disco-Lied unter, dass es hier jedoch eine große Fangemeinde von Disco gibt, wäre übertrieben. Im Großen und Ganzen hat sich in Südtirol einiges getan, und wer bereit ist am Wochenende Fahrtstrecken auf sich zu nehmen, kann viel interessante Musik hören. Aber wie es nun mal mit Untergrundmusik ist – sie drängt sich nicht auf, man muss sie suchen. Martin Retter