Aus ff 35 vom 02. September 2010
Leitartikel: Der Banker, die Schöne und das Böse
Thilo Sarrazin, Carla Bruni und der Islam: Der Kampf der Kulturen erlebt eine plötzliche Verschärfung. Kein leichtes Unterfangen, kühlen Kopf zu bewahren und nicht der Schwarz-Weiß-Malerei zu erliegen.
Bis vor Kurzem war Thilo Sarrazin das, was man eine graue Maus nennen könnte: seit jeher im öffentlichen Dienst, Karriere bei der Eisenbahn, Eintritt in die SPD, Wahl in den Berliner Senat und schließlich: Vorstand der deutschen Bundesbank. Kaum jemand hätte gemerkt, wenn Sarrazin, 65, in die Rente abgetaucht wäre.
Stattdessen schrieb er im September 2009 einen Aufsatz über die Intergrationspolitik. Einer der Sätze dieses Aufsatzes lautete: „Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkennen. Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“
Zunächst gab es Zustimmung für diese „mutigen Sätze“, die auf „die Kollateralschäden einer gut gemeinten, aber schlecht getroffenen Integrationspolitik“ aufmerksam machen. Der Schriftsteller Ralph Giordano, der Philosoph Peter Sloterdijk, die Frauenrechtlerin Necla Kelek und der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt stellten sich hinter ihm. Aber nicht nur sie: Auch die Neonazis spendeten Beifall. Sarrazin bestätige, was sie längst schon gewusst und gesagt hätten: Die eingewanderten Muslime nutzen den Sozialstaat aus und pfeifen auf die Integration.
Es folgten Distanzierungen, Richtigstellungen, Polemiken. Im Juni legte Sarrazin einen Scheit drauf. In einem Vortrag sagte er, der gesamtdeutsche Intelligenzdurchschnitt würde „durch die Zuwanderung von schlecht ausgebildeten Migranten“ sinken. Jetzt war Feuer am Dach. Und als dieser Sarrazin seine plötzliche Popularität für ein Buch mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ zu nutzen wusste, ein bisschen im Stil und Ton der vehementen Anti-Islam-Kämpferin Oriana Fallaci, war das Tohuwabohu total: Die SPD will ihn aus der Partei ausschließen, und an diesem Montag forderte das Staatsfernsehen ZDF in einem Kommentar seinen Kopf.
Szenenwechsel: Im Iran wurde die 43-jährige Sakineh Mohammadi-Ashtiani zum Tode verurteilt. Ihre Schuld: Ehebruch. Wird das Urteil nicht revidiert, steckt man die Frau in ein Erdloch und steinigt sie so lange, bis sie tot ist. So will es das islamische Gesetz im Iran.
Für Sakineh engagieren sich weltweit Menschen – darunter Carla Bruni, die Gattin des französischen Präsidenten. Grund genug für den Iran, Frau Bruni als „italienische Hure“ zu bezeichnen, „die den Tod verdient“.
Sarrazin und Carla Bruni haben nichts gemeinsam – und sind doch Ausdruck eines Dilemmas, das längst auch uns Südtiroler betrifft: Wie sollen wir uns gegenüber dem Islam verhalten? Bis vor Kurzem konnte man den Kopf in den Sand stecken, so tun, als seien die Sakinehs dieser Welt nicht unser Bier: Was geht es mich an, wenn „drüben“ Frauen gesteinigt werden?
Viel geht es uns an. Weil ein Stück Iran mittlerweile auch hier bei uns im Westen stattfindet. Wer Tränen für Sakineh vergießt und Sarrazin verbal steinigt, lügt sich in den Sack.
Ich denke, alle sind wir daran interessiert, dass aus dem Phänomen der muslimischen Einwanderung nicht ein Problem wird. Aber um das zu verhindern, braucht es mehr als Schönrederei. Der Überlebenskampf der armen Sakineh und die provokanten Thesen Sarrazins fordern uns auf, genau hinzusehen, was da vor sich geht.
Wenn ich höre, dass Sarrazin jetzt „aus Sicherheitsgründen“ Lesungen absagen muss, wird mir bange zumute. Wer Feindbilder sät, ernet Probleme. 