Aus ff 36 vom 09. September 2010

Leitartikel: Frischluft auf Schloss Tirol

Und sie dreht sich doch! In der Verleihung der Südtiroler Verdienstordens steckt eine kleine Revolution: Unser Land funktioniert deshalb so gut, weil wir nicht nur mit einer Sprache sprechen.
Henri Chenot ist Franzose. Er hat sich, seit er zuerst in Sulden, dann in Meran etwas aufgebaut hat, was einzigartig ist auf der Welt, noch nie um Politik gekümmert. Als ich ihn einmal fragte: Warum in Südtirol? Warum nicht in Monte Carlo oder auf den Malediven? Da antwortete Chenot: Weil es hier wunderbar ist. Das Klima, die Landschaft, die Produkte, die Menschen. Das eine oder das andere, das würde er anderswo auch finden, aber all dies Zutaten gemeinsam? „No, solo in Sudtirolo.“ Henri Chenot wusste die Zutaten zu nutzen. Das, was er im Palace aufgebaut hat, nutzt Meran, nutzt Südtirol. Ich will hier Monsieur Chenot nicht etwa heiligsprechen. Keine Angst. Nur so viel: An Leuten wie ihn erkennen wir, was in unserem Land alles möglich sein könnte. Als ich hörte, dass man ihm den höchsten Orden verleihen will, den Südtirol zu vergeben hat, hielt ich die Nachricht für eine Ente. Dermaßen fixiert ist mein Gehirn auf die Vorstellung, dass für jene, die diese Orden vergeben, nur gestandene Tiroler oder – in zweiter Wahl – Deutsche etwas Verdienstvolles geleistet haben können. Ich habe mich geirrt – und das freut mich. Es freut mich, dass Luis Durnwalder diesmal keine Angst vor Eva Klotz und deren stramme Mander gezeigt hat. Es freut mich, dass er sich daran erinnert hat, Landeshauptmann von allen zu sein. Und dass er die Ordensverleihung – unbewusst vielleicht – für einen politischen Befreiungsschlag genutzt hat, der eine Wende in der weiteren Südtirolpolitik markieren könnte. Chenot ist, wenn man so will, ein ziemlich ungefährlicher Mann. Wer ihn ehrt, muss nicht mit Gegenwehr rechnen. Frau Klotz stürzte sich dann auch nicht auf ihn, sondern auf Ivan Felice Resce, den ehemaligen Kommandanten der Alpinitruppen in Bozen. Bei einem Resce da funktioniert das Klischee ja hervorragend: Alpini ist gleich Besatzer, ist gleich Feind. Egal, ob ohne diesen Resce das Tauschgeschäft zwischen Verteidigungsministerium und Land vielleicht nie zustande gekommen wäre, Feindbilder sind für manche Menschen wichtiger als banale Wahrheiten. Richtig pikant ist aber Romano Prodi in der Liste der Geehrten. Ich hab mich etwas gewundert darüber, dass der guten Eva zu ihm nichts eingefallen ist. Denn die Figur Prodi hat mehr Sprengkraft, als es den Fans eines deutschtümelnden Südtirols lieb sein kann. Gewiss, seit er in der Politik nicht mehr an vorderster Front mitmischt, ist es still um ihn geworden. Aber der heftige Applaus, den er auf Schloss Tirol bekommen hat (mehr als alle anderen) zeigt: Prodi ist längst eine Symbolfigur. Aus einem Mann, den man gern als Vertreter des italienischen Staates gesehen hatte, einer von jenen, die man übers Haxl haut, um etwas herauszuholen, mit denen man aber gewiss kein Glas Wein trinkt, ist so etwas wie ein Unsriger geworden. Es mag paradox sein, aber ausgerechnet dieser Prodi zeigt, dass auch ein Italiener zum Südtiroler werden kann. Er, der ehemalige Präsident der EU-Kommission und Regierungschef, sagte nicht viel während der Ehrung. Im Grunde sagte er nur ein einziges Wort: „Zusammen“. Wenn Ehrungen nicht nur ein lästiger formeller Akt sind, sondern ein Beispiel geben wollen, ja ein Fingerzeig sind, dann wird dieser Sonntag Folgen haben. Dann müsste die Frischluft, die auf Schloss Tirol diesmal zu spüren war, eigentlich dafür sorgen, dass Toponomastik, Siegesdenkmal und ähnlicher Unfug nur mehr im Kleingedruckten zu finden sind. „Zusammen“ wären wir fast unschlagbar.